Käpt’n August und der Mond aus Gold

In einer anderen Wirklichkeit hatten Fische und Schiffe die Buchstaben getauscht: Clownschiffe! Traumfische! Schiffstäbchen! Schiffstäbchen?!? Arrr, und ob! Ein Paradies für Piraten!

»CLOWNSCHIFF AUF VIERTEL-VOR-ZWEI!«

Der Käpt’n setzte das Fernrohr ab und saugte an der Freihandpfeife. Sein Kugelbauch gluckste. Clownschiff zum Frühstück! Das war selbst für einen ausgekochten Gourmet-Piraten wie ihn ein guter Grund für Bombenstimmung: Popcorn! Gebrannte Mandeln! Zauberwatte! Ganz zu schweigen von all den Pappnasen, Pupskissen und Plastikperücken, die man auf einem Clownschiff für gewöhnlich einsacken konnte!

Zwar hatte die Sonne ihren Zenit längst überschritten und für ein fahrplanmäßiges Piratenfrühstück war es reichlich spät, doch solcher Schickimicki hatte den alten Seebären noch nie gekratzt. Das nächste Frühstück kam bestimmt – und dann würden sie sich die Clowns schon schmecken lassen!

Sein Seeräubergelächter polterte so schwungvoll aus dem riesigen Zottelbart, dass dieser wie ein Knäuel stark behaarter Fledermäuse in der salzigen Brise tanzte!

Mick, der Piratenfisch, auf dem die Seeräuber unterwegs waren, bleckte die Zähne. Mohnkrümel und Schokostreusel kamen zum Vorschein, denn vor ein paar Viertelstündchen erst hatten sie einen Frachtfisch voll köstlicher Backwaren ausgeplündert. Firlefanz! – dachte der Piratenfisch. Ein Clownschiff leerzuräumen, war doch wirklich ein Klacks, selbst am späten Nachmittag!

»WURDE AUCH LANGSAM ZEIT, KÄPT’N«, dröhnte Mick.

Er schürzte die Lippen und prustete einen Mundvoll Wasser zwischen den frisch angespitzten Beißerchen hervor. Die gewaltigen Planken knackten wie ein Knochenschiff beim Heck einrenken, als der Koloss mit einem einzigen Schlag der Schwanzflosse seinen tonnenschweren Leib in Bewegung setzte. Die Brandung schmetterte gegen den Bug und verwandelte die holzigen Schuppen in eine riesige Rutschbahn.

Da geriet der Käpt’n bedrohlich ins Schlingern.

Taumelte. Stolperte! Und um ein Haar wäre ihm seine kostbare Kristallglasflasche in die Fluten gefallen, wenn er nicht gerade noch Micks Rückenflosse zu fassen bekommen hätte. Zum Glück ragte diese hoch ins Himmelblau und hatte bei rauer See schon den einen oder anderen Sturz verhindert. Am Ende der Rückenflosse wirbelte eine Totenkopfflagge im Wind, ganz so, wie es sich für einen echten Piratenfisch nun einmal gehörte. Im Nu hatte der alte Seebär sein Gleichgewicht zurück erlangt. Schon stand er wieder sicher auf den pelzigen Tatzen – fast könnte man sagen: wie der Fels in der Brandung. Abermals ließ er sein dröhnendes Gelächter erklingen.

»HABBELS, HABBELS, HABBELS«, rief er. »LÄUFST JA FÖRMLICH ZU HOCHTOUREN AUF! ABER LASSES DIR NICHT ZU KOPF STEIGEN, HÖRSTE?«

Er stellte die Kristallglasflasche ab und verpasste seinem Vize-Käpt’n und Navigator, genannt August McHubbles, einen Knuff gegen dessen Giraffenschulter.

»Kinderspiel, Käpt’n«, sagte August.

»Nun tu´ mal nicht immer so bescheiden, Habbels«, brummte der Käpt’n und klatschte in die Pranken. Momentchen mal… Er kniff die Augen zusammen. Hier stimmt doch was nicht! Verdattert zubbelte er sich am Zottelbart: »Werd´ ich jetzt etwa bekloppt und schwerhörig… oder einfach nur alt?«

Der alte Seebär rümpfte die Nase. Dann klatschte er nochmal in die Pranken. Hm Hm. Und nochmal. Linkes Ohr. Seltsam… Rechtes Ohr. Ahhh! Ein Geistesblitz! Grinsend puhlte er sich einen Seestern aus dem Lauscher und schnippte ihn zurück in die Fluten.

»NA BITTE«, rief der Käpt’n, »GEHT DOCH!«

August, seines Zeichens Giraffe mit unendlich langem Hals, war bester Dinge – dem tat auch das muffelige Lob des alten Seebären keinen Abbruch. Seine Adleraugen hatten ihn wieder einmal nicht getäuscht. Eine kunterbunte Flagge hatte in der Ferne aus den Wellen gelugt und das Clownschiff verraten.

Drei zu Null, Käpt’n! Nicht dein Tag, was?! – dachte er und sagte im beiläufigsten Tonfall, den er zustande brachte: »Ich mach´ dann mal weiter, Käpt’n!«

»Fabelhaft, Habbels«, gab der alte Seebär zurück. »Aber denk dran: Immer schön auf Samtpfoten ranpirschen!«

»Aber sicher, Käpt’n«, sagte August.

Seine nächste Aufgabe: Das Clownschiff auskundschaften und einen Plünderplan aushecken – kaum zu übersehen, dass ein Kerl wie August McHubbles dank seines Teleskop-Giraffenhalses für diese Mission besser geeignet war als alle anderen Gourmet-Piraten zusammen! Er reckte also den Hals, so weit er nur konnte, um einen Blick auf das bevorstehende Scharmützel zu erhaschen. Blitzschnell ließ er seinen Kopf über das Wasser jagen, während sein Hals wie ein endloses Gummiband länger und länger wurde.

Der Flugwind kitzelte seine Ohren, unter ihm schlugen die Wellen zusammen und das salzige Nass spritzte ihm in die Nase. Das ging solange gut, bis August niesen musste! Da rutschte ihm der Piratenhut vom Kopf herunter! Trudelte, sauste auf die Wellenberge zu und wäre um ein Haar im Meer versunken – im Laufe der Zeit jedoch hatte August ein Kunststück einstudiert, das er mittlerweile in schwindelerregender Perfektion beherrschte.

Mit seinem Giraffenhals vollführte er eine pfeilschnelle, dreifache Schraube. Dann, einen Sekundenbruchteil später, schlug er einen scharfen Haken – fing den Piratenhut im Sturzflug mit dem Mund! Zum Schluss ein Looping, und schon flippte er sich den Hut mit einem doppelten Salto wieder auf den Kopf! Der dreifach geschraubte Multi-Mortale!

Einige Seemeilen weiter…

In diesem Moment ertönte auf dem Clownschiff von irgendwoher ein krachender Tusch. Einer der Clowns – ein Klotz von einem Nilpferd – trug mechanische Schmetterlingsflügel sowie eine knallbunte Plastikperücke, die wie ein irrer Blumenstrauß in allen Regenbogenfarben strahlte. Das Nilpferd schwappte Richtung Reling, wuchtete sich hoch und balancierte, grazil wie ein Seiltänzer, auf dem schmalen Geländer.

Hoch über der Szenerie: Ein Papagei! An den Schwingen steckten goldglänzende Luxus-Schwimmflügel, die so klobig waren, dass man den Flug des Vogels wohl eher als Torkeln bezeichnen musste. Das i-Tüpfelchen jedoch war eine Dalmatinerzipfelmütze aus knallrotem Samt, an deren Ende ein weißer Plüschbommel voll schwarzer Dalmatinerpunkte wirbelte.

»Ich bin der Designer-Klaus«, krähte der Papagei.

»Und ich«, brüllte das Nilpferd, »kann flieeeeeeeeegen!«

Per Knopfdruck aktivierte es die Schmetterlingsflügel, warf sich in Pose und stürzte mit einem wunderbaren Seemannsköpper in die Tiefe. Auf halbem Weg schlug es einen Salto und klatschte mit einem Bauchplatscher in die Fluten – RUMMS!

»ZU HILFE«, prustete das Hippo, »ICH ERTRINKE!«


Käpt’n August und der Mond aus Gold … Der Kopfkino Blockbuster.

Exklusiv bei Amazon. Taschenbuch: 7,99 € (9,99). Ebook für Kindle: 4,99 € (6,99).